private räuber
Private Versicherungen rauben uns die Freiheit
Mit gehangen, mit gefangen
In seiner Oktober-Ausgabe kommt “Finanztest” zu einer nicht eben schmeichelhaften Bewertung privater Rentenversicherungen:
“Wer nicht damit rechnet, sehr alt zu werden, hat womöglich nichts von einer privaten Rentenversicherung. Bei den getesteten Angeboten muss ein Mann, dessen Rente mit 67 Jahren beginnt, je nach Tarif zwischen 15 und 17 Jahren Rente beziehen – nur um seine Beiträge wieder herauszubekommen. Erst danach kommt er ins Plus. Er ist dann schon mindestens 82 Jahre alt. Dieses Alter erreichen sehr viele Menschen gar nicht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren von den 2009 gestorbenen Männern 22 Prozent jünger als 65 Jahre; 33 Prozent waren jünger als 70 Jahre. Eine private Rentenversicherung ist also auch eine Wette auf ein langes Leben.”
Grundsätzlich in Frage stellt das Blatt die private Rentenversicherung indes nicht. Die Rechenschiebereien von Finanztest basieren dabei – wie die durch ihn “geprüften” Versicherungen – auf spekulativen Annahmen über eine ferne, nicht vorhersehbare Zukunft. Eine ganz andere, grundsätzlichere Überlegung führt für die privaten Versicherungen zu einem vernichtenden Ergebnis. Und nichts ist schließlich grundsätzlicher als unser aller Alltag.
Ich stelle mir vor, es gibt nur eine Krankenversicherung und eine Rentenversicherung, und die liegt auch noch in öffentlicher Hand. Das privatwirtschaftliche Interesse, den Gewinn zu maximieren, ist bei diesen beiden Versicherungen damit außer Kraft gesetzt. Ziel ist, die bestmögliche Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Diese Vorstellung hat etwas Befreiendes!
Ja aber, werden jetzt viele einwenden, hat man uns denn etwa nicht jahrelang gepredigt, dass unsere Freiheit davon abhängt, „eigenverantwortlich“ wählen zu können: zu „riestern“, sich für die private oder die gesetzliche Versicherung zu entscheiden, sich zusätzlich zur gesetzlichen Versicherung privat zu versichern? – Ja, hat „man“. Die Politiker vorneweg, die unsere gute alte Umlagefinanzierung zuerst in Frage gestellt haben und sie dann durch zig Anpassungsformeln zerstörten. Flankiert von einem politischen Werbefeldzug und entsprechenden Gesetzgebungen, die den Weg frei machten für private Versicherungen und Zusatzversicherungen. In Atem beraubendem Tempo wandelte sich der vormals am Gemeinwohl orientierte Gesundheits- und Rentenpolitiker zum profanen Versicherungskaufmann. Nach getaner Arbeit wurde und wird dies nicht selten belohnt durch einen lukrativen Wechsel vom Deutschen Bundestag in ein Unternehmen der Finanzindustrie.
Was aber hat der gemeine Bürger dadurch wirklich gewonnen? Zahlen wir unter dem Strich etwa weniger? Mit Sicherheit nicht. Denn natürlich müssen wir bei unseren Berechnungen die zusätzlich zu unseren gesetzlichen Sozialversicherungsbeiträgen zu zahlenden Beiträge für Privatversicherungen berücksichtigen – sofern wir uns diese überhaupt leisten können.
Ein System der Angst und des Misstrauens
Vor allem aber gilt es die alltäglichen Folgen dieses Systems zu berücksichtigen: Die Zeit, die wir damit verbringen müssen, uns einen Überblick über einen Markt zu verschaffen, dessen Angebot für den Normalbürger, ja, selbst für viele selbst ernannte Experten, gar nicht überschaubar ist. Die Verträge, Vereinbarungen und Rechnungen, die wir jetzt unterschreiben und bei unseren Versicherungen einreichen müssen. Die damit verbundenen Belastungen, weniger die Portokosten, als vielmehr die schwermütig machende Sorge: Wird das auch alles bezahlt werden, oder bleibt es doch an mir hängen? Werde ich mit dieser privaten Rentenversicherung meinen Lebensstandard im Alter sichern können? Musste diese Zahnbehandlung wirklich erfolgen, oder wurde sie nur ausgeführt, weil eben eine Zusatzversicherung da ist, die jetzt dafür zahlt? Hat sich mit der privaten Zusatzversicherung nicht längst die Logik durchgesetzt, dass wenn man schon für eine solche bezahlt, sich diese für einen auch „lohnen“, diese also nach Möglichkeit „löhnen“ muss. Wie aber soll solch ein System Vertrauen wecken, in dem man ständig Angst haben muss, über den Tisch gezogen zu werden?
Statt uns Freiheit zu bringen, haben uns die Versicherungskonzerne, ihre Lobbyisten und – hauptverantwortlich – die Regierenden in den vergangenen fünfzehn Jahren ein riesiges Gefängnis gezimmert; und mit jeder Entscheidung, die uns davon abhängiger macht, uns privat zu versichern, und die im Gegenzug gesetzliche Leistungen abbaut, wird eine weitere Mauer um uns herum gezogen. Ein Labyrinth, aus dem auszubrechen dem Einzelnen kaum noch möglich ist.
Wie wirkliche Freiheit aussehen könnte
Was hätten wir stattdessen für ein Zeitpensum zu unserer freien Verfügung, wenn wir uns um all das nicht kümmern müssten. Was wäre es für ein Gewinn an individueller Freiheit, wenn wir stattdessen wirklich eigenverantwortlich über diese hinzugewonnene – genauer: zurückgewonnene! – Zeit frei verfügen könnten, abgesichert durch ein öffentlich umlagefinanziertes Gesundheits- und Rentensystem. Eines, das allen gleichrangig, unabhängig von Einkommen und Vermögen, eine umfassende Versorgung zusichert, und das gerade die nicht so auf ihre Gesundheit Bedachten dazu anregt und ihnen Hilfestellung gibt, gesünder zu leben.
Eltern hätten wieder mehr Zeit für ihre Kinder und müssten sich noch dazu weniger um deren Gesundheit und die damit verbundenen Kosten sorgen. Studierende hätten mehr Zeit, eben um zu studieren. Rentner könnten ihren verdienten Ruhestand sorgenfrei genießen. Die Menschen allgemein könnten die Zeit, die sie jetzt faktisch damit verbringen müssen (das Gegenteil von Freiheit), um sich gesundheitlich und für das Alter einigermaßen abzusichern, für einen gesundheitsfördernden Spaziergang nutzen, für Sport, Kultur, Bildung, Weiterbildung. Kurzum: Die Menschen könnten selbstbestimmt sinnvollen, weiterführenden, persönlichen Interessen folgen, erfüllenden und damit gesundheitsförderlichen Beschäftigungen nachgehen. Welch ein Gewinn an Freiheit und Lebensqualität!
Nicht nur besser, auch billiger
Und: Der nun wirklich bürokratische Kropf der privaten Versicherungsbranche und Finanzindustrie würde auf ein dann wieder vom Markt und Wettbewerb diktiertes und nicht länger staatlich subventioniertes Maß zurecht geschrumpft. Welch zusätzlicher Effizienzgewinn! Die Kosten der Gesundheits- und Rentenversicherungen wären wahrscheinlich sogar rückläufig. Die dadurch freigesetzten Mitarbeiter könnten aufgrund der gewonnenen Einsparungen zu vernünftigen Gehältern in der öffentlichen Verwaltung sinnvoll, das heißt den Menschen und dem Gemeinwohl dienend, beschäftigt werden. Der Begriff Dienstleistungsgesellschaft würde gleichsam aufgewertet.
Diesen Weg in die Freiheit hat uns die Politik des „Jeder-muss-für-sich-selbst-sorgen-und-vorsorgen“ gründlich verbaut.  Sie haben uns unsere Zeit gestohlen, die uns sonst zur Selbstverwirklichung zur Verfügung stünde. Wo ist die Partei, die uns aus diesem Gefängnis befreit, uns eine Alternative aufzeigt, uns einen Fluchtweg weist? Sie müsste dazu wohl erst einmal die Lobbyisten und andere allein von wirtschaftlichen Einzelinteressen geleitete Personen und Organisationen aus dem Politikbetrieb aussperren und die Versicherungskonzerne einmal wieder den „freien Wettbewerb“ schmecken lassen. Was ist daran eigentlich so schwer, fragt sich der normale Arbeitnehmer, mittelständische Unternehmer und noch nicht von Lobbyisten gekaufte Ministerialbeamte und Minister. Eine durchaus berechtigte Frage!
Ein Kommentar von Jens Berger, erschienen auf den Nachdenkseiten:
5. Mai 2011 um 10:13 Uhr
Bernd Raffelhüschen bläst zur Lobbyisten-Polka
Jens Berger, Nachdenkseiten
Turnusmäßig meldet sich die neoliberale Mietfeder Bernd Raffelhüschen zu Wort und spielt stereotyp mit den Ängsten vor dem demographischen Wandels und prophezeit wie einst Nostradamus den baldigen Kollaps der gesetzlichen Sozialsysteme. Dabei erfüllt Raffelhüschen eigentlich nur seinen Auftrag, werden viele seiner Studien am Deutschen Institut für Altersvorsorge doch von der Deutschen Bank finanziert, was wiederum perfekt zu seinen Tätigkeiten im Aufsichtsrat der ERGO-Versicherungsgruppe AG und in den neoliberalen Denkfabriken Stiftung Marktwirtschaft und Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft passt. In seiner jüngsten Gefälligkeitsstudie [PDF - 129 KB] prognostiziert Raffelhüschen wieder einmal den Zusammenbruch der Pflegeversicherung. Er malt das Schreckbild einer Vervierfachung der Beiträge bis 2060 (!) an die Wand. Die Rettung für die Pflegeversicherung liegt – wie sollte es bei Raffelhüschen auch anders sein – natürlich in deren Teilprivatisierung. Mit Wissenschaft hat diese Studie jedoch wie so oft nichts zu tun. Jens Berger
Da staunt der Laie und der Experte reibt sich verwundert die Augen: Während Ökonomen in steter Regelmäßigkeit bei der Prognose konjunktureller Daten für das nächste Quartal versagen, gaukelt Bernd Raffelhüschen vor [PDF - 1.1 MB], das Verhältnis der Pflegefälle zur Erwerbsbevölkerung im Jahre 2050 mit einer Stelle hinter dem Komma berechnen zu können, um daraus dann auch noch den exakten Beitrag für die Pflegeversicherung im Jahre 2060 zu prognostizieren.
Zur Erinnerung: Um eine solche Prognose auch nur einigermaßen plausibel erstellen zu können, müsste man genaue Daten über die Bevölkerungsentwicklung, die Entwicklung der Einkünfte, der Inflation, der Arbeitslosigkeit, der Pflegequote und der Pflegekosten für die nächsten 49 Jahre voraussagen können. Wer sich – ohne einen Hauch von Selbstzweifeln – an solchen Vorhersagen versucht und seine Ergebnisse der Öffentlichkeit dann noch als wissenschaftliche Erkenntnisse verkauft, ist entweder ein Scharlatan oder er verfolgt einen bestimmten Zweck. Beides dürfte zutreffen.
Trick Nr. 1: Der demographische Wandel
Raffelhüschen hält sich in seiner „Studie“ weitestgehend bedeckt, welche Grundannahmen er für seine Rechenkunsstücke verwendet. Das ist verständlich, lassen sich seine Zahlenspiele an den wenigen Stellen, an denen er etwas konkreter wird, doch mühelos entzaubern. Will man eine Prognose erstellen, mit der man eine „Kostenexplosion“ in der Pflegeversicherung vorhersagen möchte, muss man beispielsweise nur verschiedene Stellschrauben bei den demographischen Daten so stellen, dass sie den eigenen Zielvorgaben entsprechen. Für Bernd Raffelhüschen heißt das, er muss einerseits einen starken Anstieg der potentiell Pflegebedürftigen und andererseits einen starken Rückgang der potentiellen Beitragszahler in das Umlagesystem Pflegeversicherung unterstellen. Um den Anschein der Seriosität zu erwecken bedient sich Raffelhüschen bei seinen Fiktionen aus dem mehr als reichhaltigen Zahlenangebot der „12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung“ des Statistischen Bundesamtes. Diese Datenquelle für derart komplexe Prognosen zugrunde zu legen ist jedoch gleich aus mehreren Gründen fragwürdig.
Die Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes stellen keine Prognosen dar, sondern sind Modellrechnungen, denen bestimmte Annahmen zugrunde liegen. Die Statistiker sprechen bewusst von „Vorausberechnungen“ und nicht von „Prognosen“. Wer solche Berechnungen, wie Naturgesetze fortschreiben will, betreibt wissenschaftlichen Missbrauch [PDF - 183 KB].
Was wäre passiert, wenn die Statistiker im Jahre 1900 die Altersstruktur der deutschen Gesellschaft im Jahre 1950 vorhergesagt hätten? Wahrscheinlich hätten sie anhand der Grundannahmen der Jahrhundertwende eine Gesamtpopulation von über 200 Millionen Einwohnern vorhergesagt – schließlich konnten sie noch nichts von den beiden Weltkriegen und dem sozioökonomisch bedingten Rückgang der Geburtenziffern wissen. Hätte man die Statistiker im Jahre 1950 nach der Gesamtpopulation im Jahre 2000 gefragt, hätten sie nichts vom Pillenknick, aber auch nichts von der Zuwanderung gewusst, die die realen Zahlen maßgeblich beeinflusst haben. Kein Mensch wagt etwa aktuell eine Voraussage wie viele osteuropäische Arbeitnehmer in den nächsten Monaten oder Jahren nach der Öffnung der Grenzen zuwandern oder auf den deutschen Arbeitsmarkt drängen werden, aber Raffelhüschen kennt die Gesamtpopulation in 40 oder gar in 60 Jahren.
Schaut man sich die Tabellen [xls - 6.1 MB] genauer an, stellt man fest, dass diese „Berechnungen“ nicht mehr als ein bunter Zahlenstrauß sind, aus dem sich jeder – ganz nach persönlicher Zielvorgabe – seine Wunschzahlen heraussuchen kann. Das kann man weniger den Statistikern vorwerfen, als denjenigen, die sich aus diesem Strauß die passenden Blumen herausrupfen.
Das Statistische Bundesamt bietet beispielsweise verschiedene Szenarien hinsichtlich der Entwicklung der Geburtenrate, der Einwanderung und auch der Entwicklung der Lebenserwartung an. Es ist nicht erstaunlich, dass Bernd Raffelhüschen unter all den „Szenarien“ auch eines findet, dass zu seiner Zielvorgabe passt – erstaunlich ist jedoch, dass Raffelhüschens konkrete Zahlen im riesigen Tabellenanhang zur Studie noch nicht einmal vorkommen. Woher hat Raffelhüschen diese Zahlen? Dabei ist es nicht so, dass seine Zahlen außerhalb der zahlreichen Parameter liegen. Wenn man einen Rückgang der Geburtenziffern und eine sehr geringe Zuwanderung bei steigender Lebenserwartung annimmt, kommt man möglicherweise ungefähr auf diese Werte. Was ist aber, wenn die Zuwanderung zunimmt oder die Geburtenziffern steigen? Was ist, wenn sich die Lebenserwartung nicht entsprechend der Kalkulationen erhöhnt? Was weiß man über den medizinischen Fortschritt und den Gesundheitszustand älterer Menschen in 50 Jahren? Was, wenn immer mehr „Alte“ den Herbst ihres Lebens im Ausland verbringen werden?
Dreht man nur einige dieser Stellschrauben ein wenig in eine andere Richtung, fällt Raffelhüschens Rechenexempel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. An dieser Stelle alternative Zahlen zu nennen, wäre jedoch genau so unseriös wie Raffelhüschens Studie selbst. Als Fazit sollte man jedoch im Hinterkopf behalten, dass Raffelhüschen bestimmte Annahmen, deren Eintrittswahrscheinlichkeit hoch spekulativ ist, als gegeben voraussetzt, um genau die Zahlen zu prognostizieren, die den Wünschen seiner Auftraggeber aus der Versicherungsbranche entsprechen, die wie Aasgeier darauf warten, dass ihnen mit der Pflegeversicherung nach der Rente ein weiteres milliardenschweres Geschäftsfeld eröffnet wird. Ein solches Vorgehen, bei dem der Interessensbezug mit Händen zu greifen ist, hat weder etwas mit „Unabhängigkeit“ noch mit „Wissenschaft“ zu tun.
Trick Nr. 2: Die konstante altersspezifische Pflegewahrscheinlichkeit
Es ist durchaus möglich (sicher ist das allerdings nicht), dass in einer älter werdenden Gesellschaft auch der Anteil der Pflegebedürftigen steigen könnte. . Das ist auch für die absehbare Zeit in den Zahlen der Pflegeversicherung jetzt schon hinreichend antizipiert. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, dass auch die altersspezifische Pflegewahrscheinlichkeit bis ins Jahr 2060 konstant bleibt, ist jedoch mehr als gewagt. Um dies zu verdeutlichen, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Wer vor 50 Jahren das stolze Alter von 75 Jahren erreicht hat, war in der Regel in einem schlechteren Gesundheitszustand als heute. Der medizinische Fortschritt hat dazu geführt, dass heute nicht einmal jeder zehnte Bundesbürger im Alter von 75 bis 79 Jahren überhaupt pflegebedürftig ist [PDF - 7.1 MB]. Hätte man diese Statistik unter ansonsten gleichen Bedingungen im Jahr 1960 aufgestellt, wäre man zweifelsohne zu weitaus höheren Prävalenzen gekommen.
Die Unsinnigkeit von Raffelhüschens Annahme einer konstanten altersspezifischen Pflegewahrscheinlichkeit zeigt auch die Beobachtung der vergangenen Jahre. Der GEK-Pflegereport 2009 [PDF - 7.1 MB] spricht in diesem Zusammenhang von einem „signifikanten Rückgang“ bei der Eintrittswahrscheinlichkeit der Pflegebedürftigkeit in den beobachteten Jahren 2000 bis 2008. Für diesen relativ kurzen Zeitraum beobachteten die Wissenschaftler einen Rückgang der altersspezifischen Inzidenz bei Männern um rund 8% und bei Frauen sogar um rund 25%. Wie hoch der Anteil der Pflegebedürftigen je Altersstufe im Jahr 2060 sein wird, ist nicht nur unmöglich vorauszusagen sondern nur unseriös – zu behaupten, sie sei exakt genau so hoch wie heute, kann nur dem Zweck dienen, die Zahl der Pflegebedürftigen möglichst groß zu rechnen, damit sie ins Untergangsszenario für die gesetzliche Pflegeversicherung passen.
Wer die Zahl der Erwerbsbevölkerung einerseits bewusst niedrig annimmt und dabei gleichzeitig die Zahl der Pflegebedürftigen möglichst hoch schätzt, der kann mit solchen Rechentricks natürlich auf Raffelhüschens Annahme kommen, dass sich das Verhältnis von Leistungsbeziehern und Beitragszahlern der Pflegeversicherung bis zum Jahr 2050 um den Faktor 2,4 verändern wird. Seriös ist solches Jonglieren mit vielen Unbekannten allerdings ganz sicher nicht.
Trick Nr. 3: Die Projektion des Beitragssatzes
Doch selbst wenn man Raffelhüschens unseriöse Zahlenakrobatik als Grundlage nähme, käme man bei solider Berechnung in keinem Fall auf die sagenhafte Steigerung des Beitragssatzes, mit der er Unsicherheit und Ängste schüren will. Selbst wenn man den – komplett unrealistischen – „Raffelhüschen-Faktor“ von 2,4 auf den momentanen Beitragssatz ansetzen würde, käme man für das Jahr 2060 lediglich auf einen Beitragssatz von 4%, aber nicht auf die prognostizierten Beitragssätze von 5% bis 8%. Leider lässt Bernd Raffelhüschen die Öffentlichkeit jedoch nicht daran teilhaben, wie er auf seine Zahlen kommt. Vielleicht hat er etwa nur ganz einfach „vergessen“, die Inflation auch auf die Beitragsbemessungsgrenze anzuwenden, was auf einen Zeitraum von 50 Jahren natürlich zu grotesken Verschiebungen führen muss? Eine Verschiebung dieser Grenze nach oben, ist für Raffelhüschen natürlich politisch undenkbar, würde doch damit die Versicherungswirtschaft eine relevante Klientel privat Pflegevorsorgenden verlieren.
Wenn neoliberale Mietfedern Prognosen über die Sozialversicherungen anstellen, konzentrieren sie sich meist auf die Ausgabenseite und kommen bei den passenden Grundannahmen stets zum Schluss, eine „Kostenexplosion“ stehe unmittelbar bevor. Gemessen an der Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft – also am Bruttoinlandsprodukt – ist diese Kostenexplosion allerdings nicht nachzuweisen [PDF - 569 KB].
Vor allem weil die Löhne und damit die Beiträge für die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland geringer steigen als andere volkswirtschaftliche Kennziffern, haben die Umlagesysteme ein Einnahmenproblem. Gerade die Pflegeversicherung ist jedoch ziemlich solide finanziert. Trotz der mageren Lohnsteigerungen im letzten Jahrzehnt liegen die Beitragseinnahmen der Pflegeversicherung konstant und deutlich über den Ausgaben [PDF - 68 KB]. Im Jahr 2009 betrugen die Beitragseinnahmen beispielsweise 21,19 Mrd. Euro, die Ausgaben (inkl. Verwaltungskosten) lagen jedoch darunter, nämlich bei 20,33 Mrd. Euro. Wenn man diese Zahle zugrunde legt, könnte man sogar eher über eine Senkung des Beitragssatzes als über dessen Erhöhung nachdenken. Ein „drohender Kollaps“ der Pflegeversicherung ist jedenfalls weit und breit nicht in Sicht. Eine Kostenexplosion hat in der Tat stattgefunden – von 1996 bis 2009 sind die Kosten um 87% gestiegen. Parallel gab es jedoch auch eine „Einnahmenexplosion“ im gleichen Maßstab.
Trick Nr. 4 – Kostendruck
Um überhaupt auf so dramatische Beitragsprojektionen zu kommen, bedient sich Bernd Raffelhüschen eines weiteren Tricks, nämlich auf der Ausgabeseite lohnbedingte Kostensteigerungen zu prognostizieren, die allerdings keine Auswirkungen auf die Einnahmenseite haben sollen. Das ist natürlich „tricky“, weiß doch jeder, dass bei einem Umlagesystem die Beitragseinnahmen fast parallel zu den Löhnen wachsen. Wie Raffelhüschen auf die Idee kommt, dass ausgerechnet im Pflegesektor nun in den nächsten Jahren geradezu paradiesische Lohnsteigerungen durchgesetzt werden könnten, während der Rest der Lohnempfänger mit konstanten Löhnen kämpfen muss, bleibt ein weiteres Mysterium dieser „wissenschaftlichen“ Studie.
So unbedeutend diese unterstellte ungleiche Lohnentwicklung scheint, so bedeutend ist sie für die Signalwirkung in den Medien. Ohne den „Kostendruck-Faktor“ kommt Raffelhüschen mit allen beschriebenen Gauklertricks auf einen Beitragssatz von 5% im Jahr 2060. Mit dem „Kostendruck-Faktor“ kommt er sogar auf sagenhafte 8% – da schrillen natürlich bei den Medien, die ja immer noch dem Mythos der zu hohen „Lohnnebenkosten“ anhängen, natürlich die Alarmglocken. Dass die Hälfte der prognostizierten Beitragssteigerung in diesem Falle völlig willkürlich zustande kommt, interessiert dabei offensichtlich nicht.
Und täglich grüßt das Murmeltier
Es ist ja nicht unbedingt so, dass Bernd Raffelhüschen erst gestern „entdeckt“ hat, dass die Pflegeversicherung seiner Meinung nach keine Zukunft hat und die Beiträge zwangsläufig steigen müssten. Seit Raffelhüschen seine von der Finanzwirtschaft gesponserten Gutachten schreibt, sagt er den baldigen Tod der Sozialsysteme voraus. So prognostizierte er beispielsweise im Juni 2004 [PDF - 150 KB], dass sich die Beiträge zur Pflegeversicherung bis ins Jahr 2030 verdoppeln würden – die Arbeitsweise gleicht dabei frappierend derjenigen, die er auch heute noch immer benutzt. Der demographische Wandel ist ebenfalls keine Entdeckung Raffelhüschens, sondern bereits seit Jahrzehnten im vollen Gang. Nimmt man Raffelhüschens Studie aus dem Jahre 2004 ernst, müsste der Beitragssatz heute bei 2,25% liegen. Er liegt aber bekanntermaßen bei 1,95%. Was nun, Herr Raffelhüschen?
Das Karenzzeit-Modell
Um Raffelhüschens Rechenspiele überhaupt verstehen zu können, muss man natürlich wissen, welchen Ausweg er aus dem von ihm „prognostizierten“ Zusammenbruch der Pflegeversicherung vorschlägt. Aufmerksame Leser kennen die Antwort sicher schon: Raffelhüschen empfiehlt die Einführung einer privaten Zusatzversicherung. Da die staatliche Pflegeversicherung jedoch konkurrenzlos günstig ist, muss sie natürlich im Leistungsspektrum massiv eingeschränkt werden. Raffelhüschen schlägt daher eine „Karenzzeit“ von ein bis drei Jahren vor. In den ersten ein bis drei Jahren soll also eine private Zusatzversicherung die Leistungen der Pflegeversicherung übernehmen, während die gesetzliche Versicherung erst nach dieser Karenzzeit zahlen können soll.
Das mag pfiffig klingen, würde in der Realität bedeuten, dass – rein statistisch – mehr als die Hälfte aller Männer und mehr als 40% aller Frauen, die zum Pflegefall werden, sterben, bevor sie überhaupt einen Cent aus der staatlichen Versicherung ausbezahlt bekämen. Diese Mortalitätsziffern sind natürlich ein dankbares Feld für Versicherungsmathematiker, die den vollen Karenzzeitraum als Auszahlungsbasis definieren können, in vielen Fällen aber nur für einen wesentlich kürzeren Leistungsbezugsraum zahlen müssen.
Es ist unverständlich, warum die Medien einer überführten Mietfeder wie Bernd Raffelhüschen überhaupt stetig eine Plattform bieten, seine PR-Arbeiten für die Versicherungswirtschaft ohne jede Kritik (und eigenes Nachdenken) seitens der Redaktion zu präsentieren. Sein jüngstes Elaborat wird beispielsweise sowohl vom Tagesspiegel, von der Süddeutschen Zeitung, von der WELT als auch vom STERN völlig unkommentiert und unkritisch verbreitet. Eigentlich sollten diese Zeitungen besser viel Geld für diese Form von Werbung nehmen als solche unbezahlten Werbeanzeigen zu veröffentlichen. Vielleicht liegt in dieser Form von Public Relation für bestimmte Wirtschaftsinteressen der Grund, warum die Werbeeinnahmen der Printmedien zurückgehen. Die Versicherungswirtschaft kauft lieber sogenannte „wissenschaftliche Studien“, da braucht sie keine teure Werbeanzeigen mehr kaufen. Der Vorteil ist, dass diese Art der Werbung dank eines unkritischen Papageien-Journalismus leider noch immer seriöser daher kommt.
Und hier die Totengräber der gesetztlichen Rentenversicherung:

Herr Raffelhüschen und seinesgleichen haben es geschafft, sich an die Speerspitze derjeneigen zu setzen, die nur eines im Auge haben: die Zerschlagung der gesetzlichen Rente. Natürlich nicht der Pensionen, denn er selber wird zu den Empfängern gehören - als Angestellter der Uni Freiburg.
Damit hier kein Verdacht aufkommt, der Professor spricht uns keinesfalls aus dem Munde, geschweige aus dem Herzen. Wir dokumentieren hier lediglich die Position der Gegenseite. Die Gegenseite ist verlängerter Arm der Finanzbranche, Herr Raffelhüschen leitet auch kein unabhängiges Forschungsinstitut, sondern wird unmißverständlich von der Versicherungsbranche bezahlt und somit kann dieser Professor nicht unabhängig sein, obwohl ihn die Talkmaster so gerne immer vorstellen. Die Medien müssen sich somit der Kritik aussetzen lassen, selbst auch nicht frei und unabhängig zu sein. Das ist das eigentlich Traurige, um nicht zu sagen das Schlimme an der Debatte.
Und das ist die gute Kinderstube des Rentenprofessors, das wahre Gesicht dieses so genannten Herrn:
IG BAU-Mitglied Karl Peter S. liest viel, seit er 2002 mit 56 Jahren arbeitslos wurde und keine Stelle mehr gefunden hat. Er informiert sich, hakt nach und bildet sich dann eine Meinung. Die vertritt er dann entschieden. Egal bei wem – er bleibt sich treu. Er hat Herrn Professor Raffelhüschen per E-Mail gefragt, wie das denn so sei, mit der Rente, der Generationengerechtigkeit. Daran erinnert, wie das ist, wenn man 14 Jahren anfängt, 45 bis 50 Jahre arbeitet. Und wollte wissen, ob auch der Professor nach einem 48jährigen Arbeitsleben mit 1000 Euro Rente im Monat auskommen muß. Der Professor hat ihm höchst persönlich geantwortet: „Hallo Herr S., mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch (hoch drei). Ihr Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen.“ Harte akademische Worte – und dann noch schwarz auf weiß. Das böse A-Wort: nicht am Stammtisch, nicht am Telefon, sondern per E-Mail.
19. September 2010:
Forschungszentrum Generationenverträge: Rückführung der Rente mit 67 belastet künftige Steuer- und Beitragszahler Rente mit 65 kostet 90 Milliarden Euro
Berlin – Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) fordert die Regierung auf, die Rente mit 67 zu verteidigen. Eine Wiederabsenkung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre würde bedeuten, dass kommende Generationen für die Fehlentscheidungen von heute in Haftung genommen werden.
Prof. Bernd Raffelhüschen vom Forschungszentrum Generationenverträge in Freiburg hat für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft drei mögliche Konsequenzen einer Wiederabsenkung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre berechnet: Der Staat schießt weitere 90 Milliarden Euro bis 2050 in die Rentenkasse ein. Die durchschnittliche monatliche Rente sinkt bis zum Jahr 2050 um sieben Prozent, oder der Beitragssatz zur Rente steigt bis 2050 um einen Prozentpunkt, anstatt ab 2030 um einen Prozentpunkt zu sinken.
Während ein 65-Jähriger im Jahr 1960 noch eine Lebenserwartung von 12,2 Jahren hatte, beträgt diese heute bereits 17,4 Jahre. Und bis zum Jahr 2060 wird die Lebenserwartung laut Forschungszentrum Generationenverträge um weitere drei Jahre steigen. Diese Entwicklung stellt eine stetige implizite Rentensteigerung dar, die immer schwerer zu finanzieren sein wird.
INSM Geschäftsführer Hubertus Pellengahr: „Diese Entwicklung wird zusätzlich durch die demografische Schrumpfung der Gesellschaft verschärft. Wenn wir heute im Schnitt fünf Jahre länger leben als 1960, dann sollten wir auch bereit sein, künftig zwei Jahre länger zu arbeiten. Zurück zur Rente mit 65 würde bedeuten, dass wir einmal mehr die finanziellen Probleme von heute auf die nächsten Generationen abwälzen – was hochgradig unsozial wäre. “
Und hier ist das Ganze auch noch auf sechs Seiten richtig wissenschaftlich ausführlich zu lesen
DONNERSTAG, DEN 12. NOVEMBER 2009
BERND RAFFELHÜSCHEN, RENTENEXPERTE
Politik sollte Kürzungen nachholen
DAS THEMA: ALTERSVERSORGUNG
Der Freiburger Professor Bernd Raffelhüschen gilt als einer der herausragenden Rentenexperten in Deutschland
VON CHRISTOPH SLANGEN
FRAGE: Die Rentenversicherer gehen von einer doppelten Nullrunde für die Senioren 2009 und 2010 aus. Eine Überraschung?
RAFFELHÜSCHEN: Nein. Bereits nach dem Frühjahrsgutachten war das absehbar.
Die Entwicklung der Lohnund Gehaltssummen ist so, dass keine Rentenerhöhung möglich ist – im Gegenteil.
Die Frage ist nicht, ob es 2009 und 2010 zu Nullrunden kommt, sondern für wie lange darüber hinaus die Rentner keine Erhöhung ihrer Bezüge erhalten werden.
FRAGE: Warum ist das so?
RAFFELHÜSCHEN: Es müssen noch diverse Kürzungen nachgeholt werden, die in den vergangenen Jahren ausgesetzt
worden sind. Es gibt drei verschiedene Faktoren: So ist die Riester-Treppe ausgesetzt worden, um den Rentnern 2008 und 2009 höhere Bezüge zu ermöglichen. In den Vorjahren wurden Rentenkürzungen wegen des Riester-Faktors nicht realisiert. Schließlich gibt es jetzt die Rentengarantie, die ein Absinken der Rentenzahlbeträge bei sinkenden Löhnen
verhindern soll. Selbst bei moderaten Lohnsteigerungen ist in den nächsten Jahren nicht mit einer Rentenerhöhung zu rechnen.
FRAGE: Sollte die Politik darauf verzichten, die Kürzungen später nachzuholen?
RAFFELHÜSCHEN: Das wäre fatal. Schon das Aufschieben der Kürzungen ist unsolidarisch gegenüber den Jüngeren, die die Kosten tragen. Derzeit sind die Rentner nur entsprechend beteiligt, wenn die wirtschaftliche Entwicklung und die Löhne nach oben gehen. Sobald die Entwicklung nach unten geht, entlässt sie die Politik aus der
Solidarität. Würde die Politik auf das Nachholen ausgesetzter Kürzungen verzichten, wäre die Solidarität nicht nur aufgeschoben, sondern aufgehoben.
FRAGE: Die Rentengarantie der Bundesregierung. . .
RAFFELHÜSCHEN: . . . ist unsolidarisch und falsch. Mit den Rentenreformen waren die Weichen richtig gestellt. Die Politik hätte danach die Finger von der Rentenformel lassen sollen. Ohne Eingriffe würde sich das ursprüngliche Ziel, die Beiträge bis 2020 auf 20 Prozent, bis 2030 auf 22 Prozent zu begrenzen, in etwa halten.
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